Das geschriebene Wort...

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Das geschriebene Wort...

Beitrag von AngieKelly am So Dez 20, 2009 9:23 pm

Hallo Mädels,

wie versprochen, hier das nächste Kapitel zu SFO.

Viel Spass dabei!!!

LG
Ankie

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Der zweite Kuss schien noch länger zu dauern. Jegliches Zeitgefühl war Horatio abhanden gekommen. Überdeutlich nahm er Stellas Körperwärme wahr, ihre Hände waren in den Stoff seines Hemdes gekrallt, jede einzelne ihrer Fingerspitzen sandte heiße Wellen durch seinen Körper. Vor allem die Fingerkuppe, die direkt über seiner linken Brustwarze lag und mit der Stella selbstvergessen immer wieder darüber strich. Wusste diese Frau, was sie damit anrichtete? So schnell sollte das Ganze hier doch gar nicht gehen. Sollte es nicht? Wenn er ehrlich zu sich war, er hatte sich keinerlei Gedanken darüber gemacht, was passieren konnte, würde Stella, wie sie es jetzt getan hatte, nachgeben und seinen Kuss erwidern.

Horatio spürte, wie sein Körper auf Stella reagierte. Langsam aber sicher überschritten sie beide den Punkt, ab dem die Flirterei und die intensiven Küsse nicht mehr ausreichten. Wo sie einzig den Weg ebneten für mehr. Horatio versuchte, einen klaren Kopf zu behalten und zog sich ein wenig zurück. Stella sah das augenscheinlich anders. Eine ihrer Hände ließ sein Hemd los, wanderte hoch in seinen Nacken und drängte ihn wieder näher zu sich. Er gab nach, konnte gar nicht anders, glitt mit seinen Lippen zu ihrem Ohrläppchen. Und spürte, wie sie erschauerte. „Ist es Dir jetzt eigentlich warm genug?“, flüsterte er ihr leise zu.

Sie nickte. „Erinnerst Du dich an das Feuer, an dem wir uns die Finger verbrennen werden?“ Bei der Frage hob er den Kopf, sah ihr verwirrt in die Augen, denn zur Zeit war sein Gehirn nicht wirklich darauf programmiert, schwierige Denkprozesse auf die Reihe zu bekommen. „Momentan steht mein ganzer Körper in Flammen. Jetzt wäre ich froh über ein wenig kühlenden San Franciscoer Nebel.“

Er lachte. Leise, vibrierend. Wieder spürte Horatio, dass Stella leicht zusammenzuckte. Noch mehr drängte sie sich an ihn. Nur noch einen weiteren Kuss, oder zwei. Sie würden schon rechtzeitig aufhören. Sie waren beide erwachsene Menschen, die nicht gleich bei der ersten, sich bietenden Gelegenheit miteinander ins Bett sprangen. Sein Unterbewusstsein flüsterte ihm allerdings ein ‚Warum nicht? ‘ zu.
Horatio nahm das Geschenk, das ihm Stella mit der Annäherung bot, gerne an. Seine andere Hand, die bisher sachte ihren Kopf festgehalten hatte, wanderte an ihrem Körper hinunter, umfasste ihre Taille, zog sie noch ein Stück näher zu sich. Er hörte sie aufstöhnen, ihr Geruch und Geschmack erschwerten ihm das Denken immer mehr.

Gerade als sich ihre Lippen zu einem weiteren Kuss trafen, riss ein lautes Klopfen an der Zimmertür die Beiden aus der Zweisamkeit. Ihre Augen fanden sich Sekundenbruchteile später. Verwirrung war die erste Reaktion. Unwillkürlich hielten sie die Luft an. Aber da beschlich Horatio ein böser Verdacht. Eine absurde Vorstellung. Hatte sich Stella für den Abend doch mit Agent Park verabredet? Er sah die hoch aufgeschossene Gestalt des Schwarzen förmlich vor der Zimmertür stehen. Ungeduldig einen Blick auf die Uhr werfend um dann die Hand zu heben und erneut…
Ein zweites Klopfen folgte. Horatios Griff um Stellas Nackenpartie löste sich. Wie von selbst fand die Hand den Weg zum Waffenholster und blieb darauf liegen. Sein Körper spannte sich an. Doch Stellas Stimme holte ihn in die Realität zurück. Er spürte ihre Worte mehr an seinem Ohr, als dass er sie hörte.

„Was hast Du vor? Willst Du den armen Mr. Rabener erschießen, der da vielleicht gerade mit einem Eiskübel und einer Flasche Champagner steht, als Entschuldigung für die Doppelbelegung?“

Rabener? Verwirrt zog Horatio die Augenbrauen zusammen. Der Gedanke, dass dort jemand Anderes vor der Tür stehen könnte als der FBI-Agent war ihm gar nicht gekommen. Da sah man mal, was Stella mit ihm anrichtete. Ein paar ihrer Küsse und sein kühler sachlicher Verstand löste sich in Wohlgefallen auf, machte reiner Eifersucht Platz. Horatio musste über sich selbst lächeln. Der Hotelangestellte war zwar nervig, aber so dann doch wieder nicht. Schnell schüttelte er den Kopf. Seine Hand löste sich vom Griff der Beretta, stattdessen legte er einen Finger auf Stellas Lippen, um sie daran zu hindern, einen weiteren Mucks von sich zu geben.

Draußen auf dem Gang erklang eine Stimme. Eine vertraute Stimme, knarzig, an einen jungen Mann im Stimmbruch erinnernd.
„Hallo – Dr. Grissom? Ich habe hier die vorhin angesprochenen Exemplare des Colias eurydice.“
Wieder traf ein Fingerknöchel des Störenfriedes die Tür, ein neuerliches Klopfen ertönte. Horatio entspannte sich endgültig. Da standen sie beide nun, verharrten so eng aneinander geschmiegt und warteten ab. Aussitzen war hier die Devise. Urkel hatte sich augenscheinlich in der Tür geirrt und würde ja irgendwann seinen Fehler bemerken.

„HuHu – Dr. Grissom?!“ Urkel gab nicht auf. Und Stella musste urplötzlich über die Komik der Situation loslachen. Horatio spürte, wie ihr Körper sich leicht zusammenkrampfte. Ihre Augen sprühten vor Heiterkeit. Er schüttelte ein weiteres Mal leicht den Kopf. Bitte jetzt nicht laut lachen. Schnell folgte dem einen Finger auf ihren Lippen die ganze Hand. Wenn Urkel merkte, dass hier im Zimmer jemand war, würde er bestimmt gar keine Ruhe mehr geben. Horatio konnte sich lebhaft vorstellen, wie der schräge Wissenschaftler fragend den Gang hinauf und herunter schaute. Gekleidet in seine Hochwasserhosen, die nur von den roten Hosenträgern an Ort und Stelle gehalten wurden und durch seine viel zu große Brille die sich nicht öffnen wollende Tür anstarrte.

Okay, das Bild entbehrte nicht einer gewissen Komik. Horatio fing ebenfalls an zu lächeln. Fühlte Stellas heißen Atem in seiner Hand, sie konnte die Lachsalven einfach nicht unterdrücken. Leise flüsterte er ihr ein „Psssst“ ins Ohr.

„Oh – falsches Stockwerk! – Bitte entschuldigen Sie, sollte ich bei irgendetwas gestört haben.“ Urkel sah seinen Irrtum jetzt wohl doch noch ein. Dumpf klang seine Stimme durch die gut gepolsterte Tür, ein meckerndes schnorchelndes Lachen folgte den Worten, dann machte sich der schlaksige Professor anscheinend wieder davon, denn es wurde still. Kein Laut drang mehr vom Flur zu ihnen herein.

Horatio registrierte, dass er ebenso wie Stella die blaue Steppung der Tür beobachtete, als würde Urkel doch noch wie von Geisterhand im Zimmer auftauchen. Doch nichts passierte. Natürlich nicht… Langsam nahm er seine Hand von ihrem Mund. Schade eigentlich, es hatte sich gut angefühlt. Prompt löste auch Stella ihre Hand aus seinem Nacken, aber nur, um damit die gerade von ihren Lippen entfernte Hand wieder daran zu führen.

„Danke, Du hast uns vor der Entdeckung bewahrt. Wir wären ihn nie mehr losgeworden.“ Sie hauchte einen leichten Kuss auf die Handinnenfläche. Ihre Augen blitzten ihn vergnügt an. „Stell Dir vor, was Du alles verpasst hast, nur weil Du dich für das Zimmer hier entschieden hast.“ Wieder lachte sie ihn unverschämt an.

Horatio nickte bedächtig. Er konnte jedoch ein Schmunzeln nicht unterdrücken. „Hmm – ich hätte Dich verpasst. Und Du mich in einem Bruce-Springsteen T-Shirt.“ Immer noch hielt sie seine Hand fest. Sachte entzog er ihr seine Finger, strich dann sanft ihre fein geschwungene Halslinie entlang. Dabei fiel der Blick auf seine Armbanduhr – mein Gott, schon so spät? Wenn die Reservierung nicht verfallen sollte, mussten sie bald los. Und höchstwahrscheinlich musste er Eliah wieder darum bitten, ungesetzmäßig schnell zu fahren. Er sah, wie sich Stella seinen Berührungen entgegen streckte. ‚Wie ein Kätzchen‘, kam es ihm in den Sinn. Jetzt das Thema zu wechseln war angebracht, sollte die Situation nicht wieder zu dem Zeitpunkt zurückkehren, bevor Urkel sie beide so rüde gestört hatte. Horatio räusperte sich. „Stella, wie wäre es mit Essen?“

Er sah, wie sie überrascht und verwirrt die Augenbrauen hochzog. Klar, sie musste denken, er wäre nicht mehr ganz bei Trost. Von Urkels Unterbrechung jetzt auf Essen zu schließen, bedurfte schon einiger verworrener Gedankengänge.
Horatio lächelte leicht. „Schau nicht so, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ich habe in der Hoffnung, dass Du mir heute Abend keinen Korb gibst oder mich gar aus dem Zimmer wirfst, einen Tisch reserviert. Wenn ich hinzufügen darf, in einem sehr edlen Restaurant.“ Er ergänzte: „Ich habe nicht damit gerechnet, dass unser Gespräch diese Wendung nehmen würde. Allerhöchstens habe ich es erhofft, mehr aber nicht. Und da jetzt schon alles organisiert ist…“ Horatio stockte. Stella weiterhin so festzuhalten, wie er es gerade tat, war definitiv kontraproduktiv. Sein Körper sagte etwas ganz anderes als seine Worte ihr weismachen wollten. Entschieden löste er ihre andere Hand aus dem Hemdenstoff, in den sie immer noch verkrallt war und schob Stella ein Stück weit von sich. Bei seinen nächsten Worten versuchte er, den lockeren Tonfall von vor dem Vorfall am Mittag mit Park wiederzufinden. „Komm, zieh Dir was Vornehmes an, ich verspreche Dir, Du wirst bei mir kleidungstechnisch auch wieder eine Premiere erleben.“

Horatio verstummte wieder. Was redete er denn hier für einen Blödsinn zusammen? Nicht nur, dass er diesen plötzlichen Themenwechsel anschlug, nein, jetzt führte er auch noch ellenlange Erklärungen für sein Verhalten mit an. Er wunderte sich nicht großartig darüber. Diese Frau veränderte ihn. Ob es zum Guten war, bezweifelte er gerade stark. Aber - würde sie ihm den Stimmungsumschwung jetzt eventuell übel nehmen? Sie musste denken, dass er erneut einen Rückzieher machte. Was er nicht vorhatte, aber die Entwicklung zwischen ihnen ging ihm jetzt doch etwas zu schnell. Er beobachtete, wie sie ihn fragend musterte. Langsam hob sie den bereits so vertrauten Zeigefinger.
„Wehe, das Restaurant ist nicht der HAMMER!“ Drohend wedelte sie, wie schon früher am Abend, mit dem Finger vor seiner Nase herum. Aus gebührender Entfernung. Was auch besser war. Er wollte nicht in Versuchung geraten, sie wieder zu berühren. Dann konnte er nicht mehr dafür garantieren, dass sie das Restaurant überhaupt erreichten.

„Ich schwöre, es wird sich lohnen. Und wenn wir noch lange trödeln, lohnt sich schon allein die Taxifahrt dahin.“ Mit diesen geheimnisvollen Worten sowie einem noch mysteriöseren Lächeln öffnete er für Stella die Schranktüren, damit sie sich etwas anderes zum Anziehen heraussuchen konnte. Sein Hemd war von ihren nicht gerade zimperlichen Berührungen durch Knitterfalten vom Feinsten ruiniert, er brauchte ebenfalls etwas Neues. Mit der jetzt schon so typischen Handbewegung scheuchte er Stella danach ins Bad. Erst dann wechselte er in Windeseile das Hemd. Er wollte momentan jegliche Situation vermeiden, die es ihnen beiden unmöglich machen würde, das Hotelzimmer zu verlassen, weil andere Zeitvertreibe angenehmer waren, als Essen zu gehen. Einen kleinen Augenblick setzte er sich noch auf das Bett, wartete auf Stella. Frauen brauchten ewig im Bad. Was ihm die Gelegenheit gab, kurz über das vorhin Geschehene nachzudenken.
Er war ein Wagnis eingegangen, als er sie mit dem Kuss einfach so überfallen hatte. Bis dahin war er sich zwar sicher gewesen, dass sie ähnlich fühlte wie er, aber er hatte nicht einschätzen können, wie sie auf seinen Vorstoß reagieren würde. Jetzt war er froh, über seinen Schatten gesprungen zu sein. Die Positionen waren nun klar. Zu klar. Er hatte bisher keinen Gedanken daran verschwendet, dass noch an etwas gedacht werden musste, sollte der Anfang mit den Küssen später im Bett oder sonstwo fortgeführt werden. Daran hatte er bisher nicht gedacht. Und er war weiß Gott niemand, der mit den Kondomen in der Jackentasche unterwegs war – sozusagen für jede Situation gerüstet. Stella garantiert auch nicht.

Sie platzte mitten in seine Überlegungen, als sie das Bad verließ. Schnell erhob er sich vom Bett. Ihm stockte einen Moment der Atem. Sie hatte eine schwarze Hose gewählt und anstatt des Shirts, das er zuvor für sie aus dem Schrank geholt hatte, ein blaues, mit winzigen Pailletten besticktes Top. Dazu der lange schwarze Blazer – es passte perfekt zu seinem Outfit, wie er feststellte. Außerdem hatte sie ihre Haare mit einem Reif nach hinten aus dem Gesicht gesteckt. Es schaute mädchenhaft und trotzdem verdammt weiblich aus. „Du siehst immer noch zum Anbeißen aus.“ Er räusperte sich. Seine Stimme wollte nicht wirklich so, wie er es gerne gehabt hätte. Stella lächelte ihn erfreut an. Das Kompliment war angekommen.

Ihr Blick glitt über ihn, sie musterte Horatio regelrecht. „Das Kompliment kann ich nur zurückgeben, die Krawatte steht Dir ausgesprochen gut. Ist das die Premiere?“ Ihre Augen blieben an dem schlichten in dunkelblau gehaltenen Schlips hängen, den er zu dem blütenweißen Hemd gewählt hatte. Dazu der schwarze Anzug – er sah sogar unverschämt gut aus. Nichts deutete mehr darauf hin, dass er Polizist war. Wo auch immer er seine Marke und die Waffe gelassen hatte, am Hosenbund waren die bei ihm eigentlich unverzichtbaren Utensilien nicht mehr.
Horatio trat an sie heran. „Danke.“ Nur mehr ein Flüstern, ein leichter Kuss auf ihre Wange folgte. Ihm stieg das Parfum in die Nase, er musste sich zusammenreißen, um es bei dem einen, harmlosen Kuss zu belassen.
„Wollen wir, Ma’am?“ Galant hielt er Stella die Tür auf, aber erst, nachdem er einen prüfenden Blick in den Flur geworfen hatte. Nur die dunkle Beleuchtung im Gang fristete ein einsames Dasein, von Urkel weit und breit keine Spur. Horatio hatte kurz das ungute Gefühl beschlichen, ihn auf dem Boden sitzend oder liegend vorzufinden, nur darauf wartend, dass sich die Zimmertüre endlich doch öffnen würde. Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Vorsicht war eine Sache, Verfolgungswahn eine ganz andere… Mit schnellen Schritten ging er voraus zum Fahrstuhl, holte ihn mit einem Knopfdruck in ihr Stockwerk.

Stella trat neben ihn. Er merkte wie sie verstohlen sein Profil musterte. Seit dem Kuss hatte sich alles verändert. Gingen ihr gerade die gleichen Überlegungen durch den Kopf, wie ihm? Er konnte nicht abschätzen, wo dieser erste Lippenkontakt – nein, es war ja mehr gewesen – wo dieser erste Körperkontakt enden würde. Längerfristig gesehen. Aber er war bereit, sich darauf einzulassen, war auf einmal sicher, dass es nicht am Samstag enden würde. Wollte nicht, dass es am Samstag endete. Die Fahrstuhltüren öffneten sich mit einem ‚Ping‘ und Horatio bedeutete ihr, vorzugehen.
„Du wirst bestimmt Aufsehen erregen, Stella.“ Es ging gar nicht anders. Sie schien von innen heraus zu strahlen, glitzerte mit ihrem Paillettentop um die Wette. Horatio konnte kaum die Augen von ihr lösen. Und wurde mit einem federleichten Kuss auf die Wange für sein Kompliment belohnt.
Ein zweites ‚Ping‘ ertönte, gleichzeitig surrten die Aufzugtüren beiseite, gaben den Blick auf die Lobby des Argonaut frei. Ein paar Kollegen hatten sich in der größeren der beiden Sitzgruppen niedergelassen und waren in ein Fachgespräch vertieft, das verstummte, als die beiden den Fahrstuhl verließen. Sie wurden kurz gemustert, dann nahm der Erste die Unterredung wieder auf.

Horatio hob bedeutungsvoll eine Augenbraue, deutete Stella dann mit einem Handzeichen an, kurz auf ihn zu warten. Er wandte sich der Rezeption zu, hinter der – oh Wunder – seine Freundin Miss Ryden Dienst hatte. Sie blickte ihm mit einem misstrauischen Augenaufschlag entgegen. Horatio versuchte gar nicht erst, freundlich zu sein. Diese Frau strapazierte seine Nerven jedes Mal aufs Neue. Er fasste in die Jackett Innentasche und förderte seine Dienstmarke zu Tage. Ein Griff in die rechte, äußere Tasche und das Waffenholster erschien in seiner Hand. Beides schob er auf dem blankpolierten Holz des Tresens zu Miss Ryden hinüber.
„Meinen Sie, dass das Hotel Sorge dafür tragen kann, das die beiden Dinge nicht wegkommen?“ Sein Blick bohrte sich in die großen Augen der Rezeptionistin.
„Sir, Sie können ganz beruhigt sein, und wenn ich selbst darauf aufpassen werde.“ Miss Ryden verstummte schnell wieder. Sie nestelte aus einem Fach unter dem Tresen ein Formular hervor, trug die beiden Gegenstände darauf ein und hielt Horatio dann den Stift zum Unterschreiben hin.
Er setzte sein Kurzzeichen darunter, ein knappes Nicken folgte, drei Sekunden später stand er neben Stella, die ihn belustigt, aber auch leicht überrascht musterte. „Was?“ fragte er, seine Hand glitt auf ihren Rücken, sanft dirigierte er sie somit Richtung Ausgang.
„Du erstaunst mich immer wieder, aber das weißt Du mittlerweile garantiert.“ Stella warf einen kurzen entschuldigenden Blick zum Türsteher, der sich beeilen musste, ihnen beiden die großen Türen aufzuhalten.

Horatios Augen suchten die Straße vor dem Hotel ab. Hatte es sich Eliah anders überlegt und war bereits wieder gefahren? Obwohl es ihm nicht zuzutrauen war, sollte sich Horatio nicht vollkommen in ihm getäuscht haben. Da – ein paar Meter weiter vorne parkte das Taxi am Straßenrand. In dem Moment, als Horatio den Wagen entdeckt hatte, stieg auch Eliah gerade aus und kam mit wiegenden Schritten um das Fahrzeug herum. Er trug eine knallenge Hose, in die er sich hineingeschossen haben musste. Horatio fragte sich kurz, wie Eliah damit sitzen konnte, ohne lebenswichtige Organe abzuschnüren. Dazu hatte er ein mit floralem Blumenmuster versehenes weites Hemd an, eine Weste darüber, sowie einen großen, windschiefen Zylinder auf dem Kopf, der bestimmt schon bessere Tage erlebt hatte. Die Rastalocken standen wirr unter dem Hut hervor. Diverse Ketten zierten außerdem seinen Hemdausschnitt.

„Erzähl mir im Auto, warum ich Dich immer wieder erstaune, Stella. Hauptsache, wir fahren erst einmal.“ Horatio fasste ihre Hand, zog sie energisch hinter sich her. Sein hoch gewachsener Fahrer grinste breit zu ihnen herüber.
„Nabend, Mr. Cop. Jetzt verstehe ich, warum Sie zu spät sind.“ Sein Mund schien nur noch aus großen weißen Zähnen zu bestehen, als er breit grinste. Horatio warf einen kurzen Blick zu Stella. Sie lächelte amüsiert und ließ sich von Eliah die Autotür aufhalten. Als dieser nochmals um den Wagen herum wollte, um auch für Horatio die Tür aufzureißen, winkte er entnervt ab. Er würde es gerade noch selbst schaffen, sich ins Auto zu verfrachten.

„Okay, fahren Sie los, Eliah. Um 20 Uhr müssen wir im ‚Fior d’Italia‘ sein.“ Damit gab er den Startschuss zu einer weiteren an der Grenze des Gesetzes stehenden Fahrt. Der schlaksige Schwarze wusste das ganz genau. In fünf Minuten würden sie es auch unter besten Bedingungen nicht schaffen. Aber vielleicht in einer für das Restaurant noch annehmbaren Verspätung. Horatio sah zu Stella hinüber. Ihr dezenter Schmuck blitzte im Licht des vorbeihuschenden Gegenverkehrs. Sie musterte immer noch lächelnd ihren exzentrischen Taxichauffeur. Dann beugte sie sich zu ihm herüber.
„Wo hast Du den her? Den kannst Du doch nie und nimmer seit damals kennen.“ Sie hatte sich so weit zu ihm gelehnt, dass er ihre Haare an seiner Wange spüren konnte. Er lachte. „Nein, ich hatte das Glück, sein Taxi am Montagabend zu erwischen, sonst wäre ich noch später zur Eröffnungsfeier dagewesen.“ Wie um seine Worte zu bestätigen, nahm der Schwarze eine Kurve besonders flott und Stella wurde noch enger an Horatio gepresst. „Und gerade stelle ich fest, dass sein Fahrstil noch einen anderen Vorteil birgt, als nur den, pünktlich irgendwo zu erscheinen.“ Er konnte sich nicht zurückhalten, drückte Stella ein weiteres Mal einen Kuss auf, dieses Mal auf die Stirn.
„Hey Mr. Cop, in meinem Wagen wird nicht gekuschelt.“ Die kieksende Stimme von Eliah ertönte von vorn. Stella verbarg ein Lachen hinter ihrer Hand. Der Typ war wirklich ein besonderes Exemplar, ein weiteres in der Liste von merkwürdigen Leuten, die ihr hier in San Francisco bereits über den Weg gelaufen waren.

Horatio konnte nicht anders, er ließ sich von der gelassenen Heiterkeit, die im Wagen herrschte anstecken. Laut lachte er auf. „Es wäre mir bedeutend lieber wenn Sie sich rein auf das Autofahren konzentrieren würden. Keine Sorge, wir tun Ihren Rücksitzen nichts an.“ Er warf einen amüsierten Blick in den Rückspiegel, begegnete dort den dunkelbraunen Augen des Schwarzen.
„Okay, okay, schon verstanden. Ich fahre, Sie kümmern sich um die Lady.“ Grinsend wandte sich Eliah wieder dem Straßenverkehr zu.
Horatios Arm umfasste Stellas Taille, als ihr Fahrer ein weiteres waghalsiges Manöver meisterte und begeistert von seinem Können ein Juchzen ausstieß.

Stella versuchte gar nicht mehr, in eine einigermaßen aufrechte Sitzposition zu gelangen. Andauernd schlingerte der Wagen in die Kurven, immer wieder wurde sie trotz des Sicherheitsgurtes gegen Horatio geschleudert. Sein Arm lag fest um sie herum und er spürte, wie sie sich entspannte, sich an ihn anlehnte. Horatio fühlte Stella überdeutlich neben sich. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, die Locken kitzelten seinen Hals. Wenn Eliah jetzt noch etwas ruhiger gefahren wäre, er hätte Stunden so verbringen können. Aber bedachte man die Tatsache, dass jede Bodenwelle zu spüren war und dass das Auto mit quietschenden Reifen jede Kurve nahm, verflog das Gefühl von Romantik schnell.
Immerhin – nur wenige Minuten nach 8 Uhr fuhr Eliah um die letzte Biegung und hielt mit einem Ruck vor dem Restaurant. Horatio atmete erleichtert auf. So nett das Ankuscheln von Stella auch gewesen war, er war froh, dass sie heil ihr Ziel erreicht hatten.
Stella rappelte sich auf. Schon wurde die Türe auf ihrer Seite aufgerissen und sie sah in das grinsende Gesicht ihres Fahrers. Er hielt ihr eine Hand hin, um beim Aussteigen behilflich zu sein. Im gleichen Moment streckte sich eine weitere Hand in ihr Sichtfeld. Mit roten Härchen und Sommersprossen darauf. Sie lächelte entschuldigend zu Eliah hoch, griff dann nach Horatios Hand, der ihr mit einem leichten Zug vorwärts aus dem Wagen half.
Er deutete eine kleine Verbeugung an, drehte sie am Arm zu sich herum, so dass ihr Blick auf das Gebäude ihnen gegenüber fiel. „Da wären wir – das ‚Fior d’Italia‘“

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Wie viele renommierte Orte protzte auch das ‚Fior d'Italia‘ nicht mit Äußerlichkeiten. Seit einigen Jahren verbarg die schlichte, viktorianische Fassade des Gebäudes in North Beach ein erstklassiges Restaurant. Ein roter Baldachin zwischen Bordstein und Hauswand sorgte dafür, dass man auch bei Regen trockenen Fußes das Restaurant betreten konnte. Der Kellner am Empfang schien direkt aus einem sizilianischen Film entsprungen zu sein. Er trug nicht nur einen schwarzen Anzug mit passender, schnürsenkeldünner Krawatte, nein, sein pechschwarzes Haar war so an den Kopf gegelt, dass vermutlich Hammer und Meißel notwendig waren, wollte er eine andere Frisur tragen. Als er sie tatsächlich mit akzentschwerem „Prego Signora e Signore?“ ansprach, mußte Stella den Kopf abwenden, um sich nicht durch die aufsteigende Heiterkeit zu verraten. Bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte, war das kurze Gespräch zwischen den beiden Männern beendet.

„Ich hatte einen Tisch reserviert“, hörte sie Horatio an ihrem Ohr murmeln. „Aber es scheint, als ob jemand geahnt hat, wie sich die Dinge zwischen uns entwickelt haben. Wir bekommen eines dieser wunderbaren Separées und ich kann nicht sagen, dass ich etwas dagegen einzuwenden habe. Du hoffentlich auch nicht?“
Für einen Moment war Unsicherheit in Horatios Stimme zu vernehmen und Stella beeilte sich, ihm das Lächeln zu zeigen, das sich bei seinen Worten auf ihrem Gesicht breit gemacht hatte. Ob sie etwas gegen eine gemütliche und wenigstens halbprivate Sitzgelegenheit hatte? Nie im Leben!

Beide folgten einem aus den Tiefen des Restaurants aufgetauchten Kellner, dessen Äußeres nicht ganz so spektakulär wie das seines Kollegen war. Sie passierten einen eleganten Barbereich und einen nicht minder eindrucksvollen, großen Speisesaal, bis ihr Führer vor einem mit einem dunkelroten, schweren Vorhang abgeteilten Alkoven stehen blieb. Mit einer theatralischen Geste zog er den Vorhang zur Seite und gab den Blick auf einen stilvoll gedeckten Tisch für Zwei frei. „Der 'Godfather Room'“, erklärte er mit einladender Handbewegung. „Meine Kollegin kommt sofort und nimmt Ihre Bestellung entgegen.“ Ehe Stella oder Horatio reagieren konnten, war der Kellner verschwunden. Halb irritiert, halb amüsiert wechselten beide einen Blick.

„Der 'Godfather Room' mitten in San Francisco – ist das zu glauben?“ Kopfschüttelnd betrachtete Stella den Alkoven. Man brauchte nur wenig Fantasie, um sich den New Yorker Paten Don Corleone mitsamt seinen Getreuen in dieser kleinen, abgeschiedenen Ecke vorzustellen.
„Nennen wir es 'künstlerische Freiheit'“, antwortete Horatio dicht an ihrem Ohr. „Wo wir aber gerade beim Thema sind – ich mache Dir ein Angebot, das Du nicht abschlagen kannst. Wollen wir uns nicht setzen?“

Stella lachte und schlüpfte auf den vom Vorhang noch verdeckten Platz. „Du zitierst jetzt aber nicht den ganzen Abend aus den Filmen, oder?“
„Bonasera, Bonasera, was habe ich dir getan, dass Du mich so respektlos behandelst.“ Augenzwinkernd ließ sich auch Horatio nieder. Stella lachte erneut und beugte sich ein wenig nach vorne.

„Horatio Caine, Du erstaunst mich ein ums andere Mal“, sagte sie, bevor sie rasch die Hand hob. „Nein, kein weiteres Zitat! Sag mir nur eins: hast Du den Besuch in diesem Restaurant geplant und vorher noch einmal Dein Filmwissen aufpoliert?“
„Ja und nein“, antwortete Horatio. Er griff über den Tisch und nahm Stellas Hand in die seine. „Ich kenne das 'Fior d'Italia' noch von früher. Damals war es allerdings nicht in diesem Gebäude. Als ich am Montag hier gelandet bin, hatte ich nicht vor, her zu kommen. Aber mit Dir … immerhin hast Du mich ja als Deinen Fremdenführer engagiert und mich damit beauftragt, Dir in jeder freien Minute etwas von San Francisco zu zeigen. Das 'Fior' ist das älteste, italienische Restaurant der Staaten, das gehört einfach dazu, wenn man die Stadt gesehen haben will. Die Filme habe ich jedoch schon lange nicht mehr angeschaut, geschweige denn Puzos Romane gelesen.“ Er zuckte mit den Achseln, bevor er weiter sprach: „Ich habe wohl einfach ein gutes Gedächtnis.“

„Das ist mir bisher ja noch gar nie aufgefallen“, neckte Stella. „Ich habe es beispielsweise für reinen Zufall gehalten, dass Du auf den Tag genau sagen konntest, wann wir uns das letzte Mal gesehen haben. Und dass Du Dir so triviale Dinge wie meine Kaffeevorlieben merkst, muß ebenfalls der pure Zufall sein.“

„Natürlich“, erwiderte Horatio betont ernsthaft. „Der pure Zufall und nicht im Geringsten ein Zeichen dafür, wie wichtig Du mir bist.“
Das Schweigen, das seinen Worten folgte, hätte lähmend werden können, hätte nicht die bereits angekündigte Kellnerin diesen Moment gewählt, den Alkoven zu betreten. Erstaunlich erleichtert löste Stella ihre Hand aus Horatios sanftem Griff. Das war alles zu viel. Zu viel, zu schnell, zu intensiv. Erst die fast schroffe Begegnung vor der Tür ihres Hotelzimmers, dann die knisternde Atmosphäre dort, die sich endlich in dem wundervollen Kuß entladen hatte. Dann Horatios überraschende Einladung zum Abendessen, die Taxifahrt mit dem unkonventionellen Eliah, dessen Dienste sich Horatio in weiser Voraussicht gesichert hatte und die gediegene Umgebung des 'Fior d'Italia'. Es war beinahe erschreckend, wie genau Horatio ihre Vorlieben erriet. Mit der Wahl des Restaurants hatte er wieder einmal voll ins Schwarze getroffen. Und seine Worte … obwohl seine Stimme völlig ernst und ungerührt geklungen hatte, wußte Stella, was für einen tiefen Blick in seine Seele er ihr eben erlaubt hatte.

„Und welchen Wein darf ich Ihnen bringen?“ Die Stimme der Kellnerin brachte Stella in die Gegenwart zurück. Bei italienischem Wein mußte sie nicht lange überlegen – in der jetzigen Situation wirklich Glück. Denn sowohl ihr analytischer Verstand als auch ihre scharfe Beobachtungs- und Kombinationsgabe, für die sie in New York bekannt war, waren seit Tagen nur noch in vernebelten Resten vorhanden.
„Barolo für mich, bitte“, bestellte sie. Aus dem Augenwinkel erwischte sie Horatios amüsiert nach oben gezogene Augenbrauen. Was interpretierte er denn nun in ihre Weinwahl hinein? Dass sie sich mit dem starken, trockenen Barolo Mut antrinken wollte? Aber seine nächsten Worte belehrten sie eines Besseren.
„Da wir uns jetzt beide für Weine aus dem Piemont entschieden haben, nehmen wir die Antipasti-Platte als Vorspeise. Ich hätte dann gerne den Stracotto di bue als Hauptgericht. Und Du, Stella?“

Auch hier mußte Stella nicht lange überlegen. Wenn schon piemontesische Küche, dann richtig. Da die Kellnerin bestätigte, dass frische Trüffel vorhanden waren, bestellte Stella für sich ein Pastagericht mit Trüffel. Jetzt war Horatios Blick nicht länger amüsiert, sondern beeindruckt. „Ist das die italienische Seite Deiner Seele?“, fragte er, nachdem die Kellnerin mit ihrer Bestellung verschwunden war.
„Nein“, widersprach Stella. „Meine italienische Seele krümmt sich ein wenig bei dem Gedanken an die Kombination aus Pasta und dem Barolo. Aber wenn ich sowohl Rot- als auch Weißwein trinke, habe ich schneller einen Schwips, als mir lieb sein kann. Oh, lass diesen Blick!“ Sie hob in gespielter Verzweiflung die Hände. „Der ist fast noch schlimmer als Deine Stimme, weißt Du das eigentlich?“ Da, nun war es heraus. Seit Tagen hatte sie darüber nachgedacht, Horatio zu erzählen, welchen Effekt es auf sie hatte, wenn er seiner Stimme diesen unvergleichlich tiefen und sinnlichen Klang gab. Eigentlich hatte sie sich eine noch etwas intimere Umgebung für so ein Geständnis vorgestellt, aber seit wann funktionierte in Zusammenhang mit Horatio Caine schon etwas so, wie sie sich das ausmalte? Eben.

Nun legte er auch noch den Kopf schief und zauberte dieses jungenhafte Lächeln auf sein Gesicht, das sie schon am Morgen völlig aus der Bahn geworfen hatte. „Bisher hat mich noch niemand darauf aufmerksam gemacht“, erklärte er.
„Nun, dann weißt Du es jetzt. Für Deine Stimme bräuchtest Du eigentlich einen Waffenschein.“ Jetzt hatte sie schon so viel gesagt, nun konnte sie Horatio auch noch ein wenig mehr offenbaren. Er hatte sich ihr geöffnet, es war nur richtig, wenn sie ihm in gleicher Weise entgegen kam. Aber offensichtlich stand Horatio der Sinn weniger nach Geständnissen. Sein Lächeln vertiefte sich, das Kerzenlicht ließ seine blauen Augen verwegen blitzen.

„Lass die Waffen, nimm die Cannoli“, grinste er, dann hob er besänftigend die Hände. „Das war das letzte Zitat, Ehrenwort!“

„Und das hast Du natürlich auch nur deshalb gewählt, weil Dir Dein phänomenales Gedächtnis geflüstert hat, dass ich zum einen eine Schwäche für Cannoli habe und Dir das zum anderen am Montagabend verraten habe.“ Stella faßte über den Tisch und griff nun ihrerseits nach einer von Horatios Händen. Gleiches Recht für alle. In den vergangenen Stunden hatten sich so viele ihrer selbst auferlegten Schranken in Luft aufgelöst, warum dann nicht einfach den Moment genießen? Carpe diem, nutze den Tag. Wer konnte schon sagen, was morgen, was nächste Woche war. Jetzt war sie hier, in einem abgeschiedenen, intimen, von Kerzenlicht erhellten Alkoven, nur durch einen Tisch von Horatio Caine getrennt. Zum Glück war dieser Tisch da. Stella konnte beim besten Willen nicht sagen, wie weit sie sich unter Kontrolle haben würde, gäbe es kein solches Hindernis zwischen ihr und ihm. So genoß sie nur einfach das Gefühl von Horatios Haut unter ihren Fingern. Sacht ließ sie ihren Daumen über seinen Handrücken gleiten und verlor sich in den Tiefen seines Blicks. Erst das Rascheln des Vorhangs, der die Rückkehr der Kellnerin ankündigte, führte dazu, dass sie den Kontakt unterbrach.

Zum Glück war das Personal des 'Fior d'Italia' sehr gut geschult. Es fiel kein unnötiges Wort, während Wein und Antipasti serviert wurden. Stella schenkte der Kellnerin ein aufrichtig dankbares Lächeln dafür. In diesem Moment, in dieser Situation, überhaupt in ihrer derzeitigen Verfassung war sie einfach nicht in der Lage für den üblichen, nichtssagenden Smalltalk zwischen Servicepersonal und Gast. Horatio schien es ähnlich zu gehen, denn auch er beließ es im Gegensatz zum Mittagessen auf Pier 39 bei einem Nicken und einem kurzen Dank.
Stella hob ihr bauchiges Glas an und ließ den granatroten Barolo darin kreisen. „Hmmmmmm, immer wieder ein Genuß“, seufzte sie, bevor sie bedächtig den ersten Schluck nahm. Dann nahm sie Horatios Weinglas in Augenschein, betrachtete die schimmernde Flüssigkeit. „Was trinkst Du? Das ist kein Chardonnay.“
„Roero“, antwortete Horatio. „Mir war heute ein wenig nach Leichtigkeit. Außerdem paßt dieser Wein ganz hervorragend zu dem Schmorbraten.“

Stella lächelte und zog die Gabel aus der kunstvoll gefalteten Stoffserviette. „Du hast definitiv ein Faible für gutes Essen“, stellte sie fest. „Und das in unserem Beruf. Dir geht es doch sicher kaum anders als mir – hauptsächlich Kaffee zum Mitnehmen, ein schneller Snack aus dem Automaten und sollte es tatsächlich einmal so etwas wie einen rechtzeitigen Feierabend geben, muß die Mikrowelle herhalten.“
„Nun“, erklärte Horatio, während er seine Gabel unschlüssig über der appetitlich aussehenden und noch viel besser riechenden Antipasti-Platte schweben ließ, „das eine schließt das andere ja nicht unbedingt aus.“

„Der Punkt geht an Dich“, stimmte Stella zu. „Aber nur, wenn Du mir diese gegrillten Zucchini überläßt. Die sind einfach unglaublich.“
„Ich werde es nicht wagen, mich zwischen Dich und etwas Eßbares zu drängen“, lachte Horatio und spießte einen der gefüllten Champignons auf, der Stellas hungrigem Blick bisher entgangen war.

Nachdem kein Krümel der Antipasti mehr übrig war, wurden die Hauptgerichte serviert. Mehr als ein Glas des hervorragenden, italienischen Weins kam dazu. Die Stimmung im 'Godfather Room' war gelöst. Hätte sich jemand dicht an den Vorhang gestellt, er hätte lediglich das Murmeln gedämpfter Stimmen vernommen, ab und an aufgelockert durch ein Lachen. Es war, als ob das 'Fior d'Italia' eine eigene Welt in seinem Separée versteckt hielt. Eine Welt, in die Stella und Horatio eingetreten waren und der sie sich leichten Herzens geöffnet hatten. Hätte der imaginäre Lauscher an der Wand nicht nur gelauscht, sondern auch einen Blick durch den Vorhang gewagt, er hätte gesehen, wie Stella und Horatio über den Tisch hinweg ihre Finger miteinander verschränkt hatten und sich so tief in die Augen blickten, dass sie nichts um sie herum mehr wahrnahmen.

Stella, alles andere als ein unbeteiligter Zuschauer, genoß die Intimität des Augenblicks. Horatios Finger zwischen den ihren, seine strahlenden Augen, die sie zärtlich zu streicheln schienen, seine Stimme, die genau die richtige Tonlage gefunden hatte, um ihr einen Schauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen.
„Ich gehe nicht gerne aus Miami weg“, sagte er gerade. „Immer, wenn ich zurück komme, hat irgendjemand eine nicht so schöne Überraschung für mich parat. Sei es, dass mein Neffe mit Zensuren aufwartet, die man auch mit noch so viel Verständnis nicht mehr akzeptieren kann, sei es, dass im Labor alles drunter und drüber geht und sämtliche Probleme genau dann auftauchen, wenn man einmal für kurze Zeit weg sein muss. Und wie mein Schreibtisch nach ein paar Tagen Abwesenheit aussieht, kannst Du Dir sicherlich vorstellen. Aber manchmal gibt es auch Momente, die das alles wett machen. Da war beispielsweise ein Fall vor etwas mehr als zwei Jahren, der es notwendig gemacht hat, dass ich nach New York geflogen bin. Die Zusammenarbeit mit den CSIs vor Ort hat sich als erstaunlich erfreulich herausgestellt. Sehr gut geschulte Leute sind das. Vor allem die rechte Hand des Laborleiters dort, ich weiß nicht, ob Du sie kennst. Eine wunderschöne, blitzgescheite Frau.“

Stella lächelte und legte abwartend den Kopf schief. Ihr war bereits leicht schwummerig zumute. Der starke Wein machte sich bemerkbar, aber im Gegensatz zu sonst kämpfte sie das Gefühl nicht nieder. Sie ließ sich auch nicht von Horatios eigenartiger Erzählweise irritieren. Wenn er von ihr in der dritten Person sprechen wollte, sollte er doch. Sie war gespannt, wie er den Faden weiterspinnen würde.

„Wir hatten uns schon bei einem anderen Fall kennengelernt, aber erst da ergab sich eine engere Zusammenarbeit. An einem Abend sind wir uns zufällig beim Verlassen des Labors begegnet und haben beschlossen, noch gemeinsam etwas trinken zu gehen. Ich war froh, dass sie diesen Vorschlag gemacht hat. Ich hätte es wohl nicht gewagt, sie zu fragen, aber sie ist bei solchen Sachen sehr viel mutiger als ich. Offiziell war es nur eine Tasse Kaffee unter Kollegen, aber für mich war es schon damals sehr viel mehr. Ich hatte mir schon bei der Arbeit im Labor gewünscht, mehr Zeit mit ihr verbringen zu können und da war die Gelegenheit. Bis heute weiß ich jedes Wort, das wir gewechselt haben, kann mich an jede Sekunde erinnern. Vor allem kann ich mich sehr gut daran erinnern, dass ich eigentlich nichts anderes wollte, als sie erst zum Abendessen einzuladen und sie dann zu küssen. Du kannst Dir nicht vorstellen, was für eine reizvolle Frau sie ist und Du kannst Dir nicht vorstellen, was für ein Feigling ich sein kann. Ich nehme es mit jedem Verbrecher auf, aber bei einer Frau wie ihr habe ich die Flucht ergriffen. Wenn ich mir heute so überlege, was alles hätte anders laufen können, hätte ich ihr die Gelegenheit gelassen, die Einladung auszusprechen. Stattdessen ...“

„... hat es zwei Jahre, fünf Monate, drei Wochen und fünf Tage gedauert, bis wir uns wieder begegnet sind und Du die nächste Möglichkeit hattest, mich einzuladen“, sagte Stella ruhig. „Horatio, lass die Vergangenheit ruhen, ja? Es bringt nichts, darüber nachzudenken, was hätte sein können, wenn wir uns damals anders entschieden hätten. Ich denke, wir haben diese Zeit und die damit verbundenen Erfahrungen gebraucht, auch wenn ich auf die eine und andere im Nachhinein gerne verzichtet hätte. Aber es zählt doch nur, was jetzt ist, meinst Du nicht auch?“

Stella sah, wie Horatio ihr Lächeln erwiderte. Auch seine Augen blickten nicht mehr ganz so scharf und klar wie sonst. Wenn sie sich nicht fürchterlich verzählt hatte, war er ebenso beim dritten Glas Roero angelangt. Allerdings war sein Glas noch fast voll, während sie nur noch einen letzten Schluck im Glas hatte. Und sein Roero war um einiges leichter als der Barolo, für den sie sich entschieden hatte. Gleichgültig, beschloss sie. Sie mußte ja heute nicht mehr Auto fahren.

„Und was ist jetzt“, erkundigte sich Horatio mit so leiser, tiefer Stimme, dass Stella die Gänsehaut nicht unterdrücken konnte. Diese Stimme … diese unglaublich sinnliche Stimme. Jetzt, nachdem er wußte, welche Waffe das war, schien es, als ob Horatio sie ganz gezielt einsetzte. Und es machte ihr nicht das Geringste aus.

„Jetzt habe ich einen Schwips“, stellte sie erheitert fest. „Und ich hatte den wundervollsten Abend seit sehr langer Zeit. Horatio, bitte erinnere mich daran, dass ich mich für diese Einladung bei Dir bedanke, sobald ich wieder nüchtern bin. Im Moment fürchte ich, dass ich Dir zu nahe treten könnte, wenn ich mich jetzt erkenntlich zeige.“ Und wie nahe sie ihm gerne treten würde, wenn er sie ließe. Aber das Risiko, irgendwelche Grenzen zu verletzen, war gegeben. Horatio hatte nicht weiter darüber gesprochen, was in den zweieinhalb Jahren seit ihrer letzten Begegnung geschehen war, aber Stella spürte, dass er ganz ähnlich traumatische Erfahrungen gemacht haben mußte wie sie. Sie trug die Erinnerung an Frankie mit sich herum, genauso wie die Erinnerung an die schrecklichen Wochen, in denen sie nicht gewußt hatte, ob sie sich an jenem Tatort mit HIV infiziert hatte. Beides hatte sie geprägt. Irgendwann in den kommenden Tagen würde sie Horatio davon erzählen – nachdem sie auf irgendeinem Weg Kondome besorgt hatte. Aber nicht heute. Heute würde sie sich mit einem Kuß zufrieden geben und hoffen, dass sie sich dann auch am Riemen reißen und dem Spiel mit dem Feuer widerstehen konnte.

„Wenn das so ist“, erklärte Horatio, bevor er sich erhob und nach ihrem Jackett griff, „schlage ich vor, dass wir uns noch einmal Eliahs Fahrkünsten überlassen. Auf Deinen Dank komme ich in jedem Fall zurück.“
Nichts anderes hatte Stella erwartet. Im Gegensatz zu dem nur wenige Stunden zurückliegenden Handel, freute sie sich schon jetzt auf den Moment, in dem Horatio auf das Thema zurückkommen und ihren Dank einfordern würde.

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Re: Das geschriebene Wort...

Beitrag von Martina am Mo Dez 21, 2009 12:28 pm

Ich hätte das Kapitel gestern besser nicht mehr lesen sollen bahre bahre. Danach ist meine Phantasie vollkommen mit mir durchgegangen und komischerweise lag das an dem Satz, wo H’s Hand mit den roten Härchen beschrieben wird. Da musste ich gleich wieder an die rote Bauchlinie denken und bei mir *äh* verschwand sie NICHT im Hosenbund *hust*, sondern ich hatte ständig die ganze Pracht *hust* vor meinem geistigen Auge. Das ist im Grunde ja völlig harmlos, aber trotzdem machen mich solche Gedanken völlig irre und ich habe krampfhaft versucht, dabei nicht auch noch an gewisse nette Gymnastikübungen zu denken, was mir aber nur leidlich gelungen ist. Jetzt hock ich hier und versuche, hier meine Arbeit gescheit zu machen, aber das gelingt mir nicht wirklich, weil meine Gedanken immer noch drumherum kreisen bzw. ich mir im Moment ohne verrückt zu werden, überhaupt keine Pics ansehen kann, wo er vollständig drauf zu sehen ist *seufz*. Oh Mann, ich glaube, mir ist echt nicht mehr zu helfen grinsezwinker.

@Ankie: Einen „richtigen“ Kommentar, der sich nicht nur um das eine dreht (und es war ja noch nicht mal was davon zu sehen totlacher) gibt’s dann später im großen Forum kuss kuss.

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Re: Das geschriebene Wort...

Beitrag von Sisi am Mo Dez 21, 2009 3:27 pm

Uiiiii....jaaa...also ich hab gestern abend nach dem Lesen gleich mal die Heizung bissl zurück drehen können verlegen ....das Kap war genau das Richtige für diese Temperaturen ! schwitz ...bei den Küssen is frau ja fast 'mitgegangen' .... oh mann...*auch will*

Fing schon gleich mit dem ersten Abschnitt gut an für mich....als sich Stella's Hände in sein Hemd gekrallt haben...*rrrrrh* glubsch ...und später hat er auch noch ne Krawatte angezogen sabber ...also da wäre ICH mit dem Kerl nirgendwo mehr hin gegangen...also außerhalb des Zimmers pfeif

Beim Thema 'Kondome' hatte ich ein breites Grinsen im Gesicht...nach unserer Diskussion neulich diesbezüglich grinsezwinker
...und ich hab die Sache gleich mal weitergesponnen ( ich sollte doch anfangen, zu schreiben *grins* )...ich seh schon beide heimlich in en Laden marschieren, um Kondome zu besorgen und beide landen zufällig in dem selben Geschäft....Horatio passiert dann das, was Ingolf Lück in dem 90er-Jahre-Aids-Werbespot passiert...die Kassiererin ( ich hatte sofort Hella von Sinnen vor Augen ) brüllt durch den halben Laden "....watt kosten die Kondome ?..." ...und 2 Kassen weiter steht Stella .... totlacher totlacher ....bekloppt, ne ? grinsezwinker

Tinchen...ich glaub, uns is beiden nicht mehr zu helfen !! grinsezwinker grinsezwinker

@Anke : Auch von mir gibts dann später natürlich noch en ( anderen ! grinsezwinker ) Kommentar drüben !
Seeeehr geiles Kapitel !!! bravo kuss
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Re: Das geschriebene Wort...

Beitrag von AngieKelly am Mo Dez 21, 2009 7:59 pm

*breitgrins* - Mädels, ich bestätige das einfach mal, Euch ist nimmer zu helfen! Aber das ist ja das Schöne an Euch!

Wenn Euch schon dieses Kap so fertig macht, wird das nächste dann lebensbedrohend werden... pfeif *rumspoiler hier*.....

Jetzt könnt Ihr euch in aller Ruhe nen ellenlangen Kommentar aus den Rippen schneiden, denn bis das Kap im anderen Forum erscheint, könnte noch ein bisserl Wasser die Wupper herunter plätschern.... Rolling Eyes

LG
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Re: Das geschriebene Wort...

Beitrag von Sisi am Mo Dez 21, 2009 8:15 pm

AngieKelly schrieb: könnte noch ein bisserl Wasser die Wupper herunter plätschern....

Solang die Story nicht komplett über die Wupper geht ! totlacher

.....Okay, okay... sparschwein
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Re: Das geschriebene Wort...

Beitrag von Martina am Mo Dez 21, 2009 8:59 pm

Und solange wir hier trotzdem in den Genuss eines weiteren Kapitels kommen, ist's mir schnurzpiepegal, wie lange drüben Kindergarten gespielt wird grinsezwinker.

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Re: Das geschriebene Wort...

Beitrag von AngieKelly am Mo Dez 21, 2009 9:08 pm

Martina schrieb:Und solange wir hier trotzdem in den Genuss eines weiteren Kapitels kommen, ist's mir schnurzpiepegal, wie lange drüben Kindergarten gespielt wird grinsezwinker.

So ists recht Tinchen! tröster - bloß nicht von Einer wie Franzi unterkriegen, oder ärgern lassen!

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